Wokeness – Podcast
Wokeness versus Tradition: Die Bruchstellen der neuen Kriege und Konflikte
Politische Feuilleton Deutschland Funk November 2024
Bereits zwei Monate nach dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine im Februar 2022 fand an der London School of Economics eine Tagung zu Krieg, Recht und Patriarchat statt. Die Teilnehmer:innen kamen zum Ergebnis dass dieser Krieg nicht allein ein geopolitischer sei, sondern ein Kampf um eine Weltanschauung. Und sie attestierten der russischen Aggression sie reproduziere und manifestiere überholte Geschlechteridentitäten: nämlich Werte, Normen und Verhaltensmuster, die vorwiegend von Männern geprägt sind. Die brutale sexualisierte Gewalt gegen Frauen, die Entführungen und Zwangs-Umschulung von Kindern und nicht zuletzt die permanenten Angriffe auf die zivile Infrastruktur, all das sind Kriegsziele, die weder territorial noch identitär sind. Für dieses Kriegsziel Russlands, seine patriarchale Regierungsform als Neues Globales Ordnungssystem zu etablieren, hat Putin mit dem shared value Visum Dekretim August dieses Jahres einen neuen Akzent gesetzt. All jene die so genannte traditionelle Werte, also anti-woke, anti-gender, anti-Minderheitenrechte teilen und damit bereit sind, politische und kulturelle Menschenrechte außer Kraft zu setzen; all die können sich mit diesem Visum ungehindert in Russland niederlassen. Kurz darauf, am 28. August 2024, sprach Russlands Außenminister Lawrow sogar von einem Dritten Weltkrieg, der durch die angeblich woke- liberale Aggression des Westens heraufbeschworen werde.
Diese Konfliktlinie zwischen aggressiver Männlichkeit einerseits und Diversität und Egalitarismus andererseits spinnt sich wie ein roter Faden durch die aktuellen kriegerischen Auseinandersetzungen weltweit.
Als etwa am 7 Oktober 2023 die terroristische Hamas mit Mitteln sexualisierter Gewalt, Verstümmelungen, sowie Entführungen von Frauen und Kindern in Israel wüteten, war das sinnbildlich auch ein Angriff auf ‚liberal-demokratische Werte‘. Dieser erreichte damit einen abscheulichen Höhepunkt. Als wollte man zeigen, seht her, euer Pluralismus, euer Egalitarismus, eure ‚Genderei‘, eurer Demokratie sind allesamt wert- weil wehrlos!
Auch bei Konfliktthemen wie Klimawandel, Migration, Souveränittätsfragen, Kolonialismusdebatten, Cybersicherheit, Identitätspolitik oder politischen Wahlen: Egal wo, gestritten wird: Es geht dabei immer auch um patriarchiale versus egalitäre Anschauungen.
Wer in diesem Streit gewinnt, bestimmt das neue oder “alte” Welt-Ordnungssystem. Und dass dabei der Westen oder die liberale Demokratie gewinnen, ist keineswegs ausgemacht: Denn heute leben zwei-drittel der Menschheit in Ländern mit so genannten ‘tradtionellen Ordnungs und Wertesystemen’, Wie mächtig diese sind, habe ich am eigenen Leibe erfahren:
Vor sechs Jahren ging ich als DAAD Professorin für Politik und Menschenrechte an die OSZE Akademie in Kirgisien und baute dort ein von der EU gefördertes Masterprogramm für Menschenrechte und Nachhaltigkeit auf. Das einzige dieser Art in ganz Zentralasien; Dort bin ich bis heute Anfeindungen aufgrund meiner liberalen Ansichten ausgesetzt; etwa weil ich dazu aufgerufen habe, dass Studentinnen, (die zudem mit EU-Stipendien gefördert werden), nicht mehr aus dem Unterricht genommen werden dürfen, um kranke Verwandte zu pflegen oder sie in kurzfristig anberaumte Zwangsehen zu stecken.
Der neue Anti-Westernianismus wird auch von jungen Eliten, die im Westen studiert haben offen propagiert, weil sie dort in ihren Errwartungen nicht selten enttäuscht worden sind. Sie sehen unsere liberal-demokratische Ordnung, als gescheitert an. Resigniert, arangieren sie sich mit den Traditionen von Vetternwirtschaft, Klan- und Religionszugehörigkeit als der für sie einzig verbleibende Wege zum beruflichen Erfolg und sozialer Absicherung.
